
In deutschen Wohnzimmern und Spielesammlungen trägt der Holzkoffer mit den roten und weißen Dreiecken fast immer dieselbe Aufschrift: Backgammon. Wer jedoch in Istanbul an der Bosporus-Promenade sitzt, in einer Taverne auf Kreta den Nachmittag verbringt oder in einem Park in Tiflis Halt macht, begegnet demselben Brett unter ganz anderen Namen. Man spielt Tavla, Tavli, Nardy, Takhteh-Nard oder Shesh Besh.
Für Neulinge liegt der Trugschluss nahe, es handle sich lediglich um Übersetzungen desselben Spiels. Doch weit gefehlt: Das moderne Backgammon ist nur ein Zweig einer gewaltigen Familie historischer Wurfzabel-Spiele [1]. In unserer Einführung in die Spiele der Backgammon-Familie wird deutlich, wie stark sich das Spielgefühl wandelt, sobald man den vertrauten Turnierpfad verlässt. Wer die Geschichte des Backgammons zurückverfolgt, entdeckt, dass das Spiel keineswegs als starres System entstand, sondern sich über Jahrtausende in regionalen Varianten entfaltete.
Gemeinsam ist allen Formen das materielle Fundament: Ein Klappbrett mit 24 dreieckigen Zungen, 30 Steine (15 pro Partei) und 2 Würfel. Doch die Art und Weise, wie Steine geschlagen, blockiert, aufgestellt oder gewertet werden, trennt die Regionen in völlig eigenständige Denkweisen. Wer die reiche Backgammon-Kultur verstehen will, muss die historischen Trennlinien kennen.

Warum fehlt der Dopplerwürfel im Mittelmeerraum?
Die wohl tiefste Kluft zwischen dem modernen Turnierspiel und den Kaffeehaus-Traditionen des Südens und Ostens betrifft ein kleines Stück Holz: den Dopplerwürfel.
In europäischen und amerikanischen Turnieren ist der Würfel mit den Zahlen 2, 4, 8, 16, 32 und 64 das Herzstück jeder Partie. Er macht aus einem reinen Laufspiel eine mathematische Risikobörse. Wie wir im Detail bei der Frage wer den Dopplerwürfel erfunden hat dargelegt haben, tauchte dieses Zubehör erst um 1926 in den elitären Gesellschaftsclubs von New York City auf [2]. Er war eine Erfindung der 1920er-Jahre des 20. Jahrhunderts, geschaffen von Clubspielern, die Partien beschleunigen und ungleiche Stellungen sofort abrechnen wollten.
In Athen, Izmir, Teheran oder Eriwan hat dieser Würfel nie Fuß gefasst. Für traditionelle Spieler widerspricht der Dopplerwürfel dem inneren Wesen des Wettkampfs. Im Kaffeehaus wird nicht vorzeitig abgerechnet. Eine Partie wird bis zum allerletzten Stein ausgefochten. Wer im Rückstand liegt, hofft auf das Umschlagen des Würfelglücks, auf verzweifelte Konterchancen oder einen rettenden Pasch. Statt einzelner verdoppelter Runden zählt das Gesamtergebnis aus einer Serie fortlaufender Partien. Wenn ein Spieler weit zurückliegt, versucht er, das Spiel zu drehen oder zumindest den gegnerischen Durchmarsch zu verhindern.
Das Fehlen des Würfels verändert die Psychologie am Brett von Grund auf. Im Turnierspiel entscheidet die Angst vor dem Dopplerwürfel darüber, ob man sich zurückzieht oder das Risiko sucht. Im Kaffeehaus hingegen kämpft man mit offenem Visier. Das Risiko eines Blots wird eingegangen, weil kein gegnerisches Pasch-Doppeln mit dem Würfel die Partie abrupt beenden kann.
Die Spielarten im direkten Vergleich
Wer die Varianten verstehen will, betrachtet am besten ihre Grundmechaniken im direkten Gegenüber:
| Variante | Hauptregion | Dopplerwürfel? | Schlagen oder Pinnen? | Grundaufstellung |
|---|---|---|---|---|
| Internationales Backgammon | Westeuropa, USA | Ja (seit 1920er-Jahren) | Blots auf Bar geschlagen | 15 Steine auf 4 Zungen verteilt |
| Türkisches Tavla | Türkei | Nein | Schlagen auf die Bar; kein Backgammon-Wert | 15 Steine auf 4 Zungen (klassisch) |
| Griechisches Portes | Griechenland | Nein | Schlagen auf die Bar; Teil des Dreikampfs | 15 Steine auf 4 Zungen |
| Griechisches Plakoto | Griechenland | Nein | Steine werden gepinnt; Mutterstein-Verlust | 15 Steine gesammelt auf Zunge 24 |
| Griechisches Fevga | Griechenland | Nein | Weder Schlagen noch Pinnen; Blockaden | 15 Steine auf Zunge 24; gleiche Laufrichtung |
| Lange Nardy | Russland, Kaukasus | Nein | Kein Schlagen; 1 Stein pro Wurf vom Kopf | 15 Steine auf Zunge 24 (Kopf) |
| Shesh Besh | Naher Osten | Nein | Klassisches Schlagen; zweisprachige Würfelrufe | 15 Steine auf 4 Zungen |
Die klassische Aufstellung, wie sie auch im Westen gespielt wird, teilt die 15 Steine auf vier Punkte auf: 2 Steine auf Zunge 24, 5 Steine auf Zunge 13, 3 Steine auf Zunge 8 und 5 Steine auf Zunge 6 [1]. Dies bildet die Basis für Backgammon, türkisches Tavla und das griechische Portes. Doch andere Spiele werfen dieses Muster komplett über den Haufen und beginnen mit riesigen Türmen auf einer einzigen Zunge.

Griechisches Tavli: Der Dreikampf aus drei Welten
In Griechenland und Zypern ist Tavli kein einzelnes Spielregelwerk, sondern ein anspruchsvoller Mehrkampf [1]. Wenn sich zwei Kontrahenten gegenübersitzen, vereinbaren sie ein Match auf 3, 5 oder 7 Punkte. Das Besondere: Jede Runde wechselt das Spiel. Man rotiert nacheinander durch Portes, Plakoto und Fevga. Jeder Einzelsieg bringt 1 Punkt, ein Mars 2 Punkte.
Portes eröffnet das Duell nach den vertrauten Backgammon-Regeln, jedoch ohne Verdoppeln. Die beiden folgenden Disziplinen stellen jedoch völlig neue taktische Anforderungen:
Das darauffolgende Plakoto verändert das Schlagen radikal [3]. Alle 15 Steine starten auf der gegnerischen Zunge 24. Steht ein gegnerischer Stein ungedeckt auf einem Feld, wird er nicht vom Brett geschlagen. Der eigene Stein setzt sich direkt auf ihn und pinnt ihn fest. Solange der gegnerische Stein bedeckt ist, darf er sich nicht rühren und kann nicht gerettet werden. Erst wenn der gegnerische Stein oben wegzieht, wird der untere Stein wieder frei.
Zudem gehört die gesamte Zunge nun demjenigen Spieler, dessen Stein obenauf liegt. Er darf beliebig viele weitere eigene Steine auf dem gefangenen Stein platzieren und diesen Außenposten als sicheres Trittbrett für den weiteren Vormarsch nutzen. Für den gepinnten Spieler entsteht ein quälendes Dilemma: Jeder gepinnte Stein verringert die eigene Zugauswahl und kann zu verheerendem Zugzwang führen.
Besonders dramatisch ist der sogenannte Mutterstein auf Zunge 24. Wird dieser unterste Stein des ursprünglichen Startstapels vom Gegner im eigenen Ausgangsviertel gepinnt, ist die gesamte Partie auf der Stelle mit 2 Punkten verloren. In unserem Leitfaden zu Plakoto beschreiben wir, wie diese Bedrohung die Eröffnungszüge dominiert. Ein unbedachter Vorstoß kann das sofortige Ende bedeuten, weshalb vorsichtige Naturen ihren Mutterstein so früh wie möglich von Zunge 24 lösen.
Das abschließende Fevga verzichtet auf jede Form von Gewalt [3]. Es gibt weder Schlagen noch Pinnen. Beide Spieler ziehen in derselben Richtung gegen den Uhrzeigersinn über das Brett. Bereits ein einzelner Stein sperrt die Zunge komplett für den Gegner.
Da schon ein Stein genügt, um ein Feld zu sperren, besteht das Ziel darin, lange Blockaden zu errichten. Das Regelwerk schützt das Spiel jedoch vor Stillstand: Es ist streng verboten, eine lückenlose 6er-Prime zu bauen, die dem Gegner jeden Fluchtweg abschneidet, es sei denn, der Gegner hat bereits mindestens 1 Stein an dieser Mauer vorbeigeführt [3]. Wie wir in unserer Abhandlung über Blockadespiele im Backgammon darlegen, erfordert das exakte Timing beim Schließen einer Prime höchste Präzision. Wer eine Prime zu früh schließt, riskiert eine Strafe oder muss die Barriere wieder öffnen.
Lange Nardy: Die russische Geduldsprobe
In Osteuropa und Zentralasien bezeichnet Nardy zwei Varianten. Während kurze Nardy dem internationalen Backgammon ähneln, sind die langen Nardy das populärste Freizeitspiel auf langen Bahnreisen und in Parks [3].
Alle 15 Steine starten auf einem einzigen Stapel, dem sogenannten Kopf (голова, Zunge 24). Die Zugrichtung verläuft für beide Seiten im Kreis gegen den Uhrzeigersinn. Wie in Fevga beherrscht ein einzelner Stein ein Feld, Schlagen ist unmöglich.
Das Spiel verlangt höchste Selbstbeherrschung wegen der Ein-Stein-Regel: Pro Wurf darf nur 1 Stein vom Kopf abgezogen werden. Diese Regel verhindert, dass man den Startturm überhastet auflöst. Es gibt nur eine historische Ausnahme: Beim allerersten Wurf des Spiels erlauben Paschwürfe von 6-6, 4-4 oder 3-3 das Ausspielen von 2 Steinen, weil der Spieler sonst bei bestimmten Folgewürfen ohne regelkonformen Zug dastünde [3].
Auch hier ist eine 6er-Blockade ohne feindlichen Stein davor strikt untersagt. In unserem Spezialartikel über lange Nardy erklären wir die strategische Staffelung dieser Züge. Wer die Zungen geschickt besetzt, schneidet dem Gegner die Zwischenlandungen ab und zwingt ihn, hohe Würfel ungenutzt verfallen zu lassen.
Schnelligkeit in der Türkei und Poesie im Nahen Osten
Das türkische Erkek Tavlası bleibt der klassischen Zugweise treu, setzt aber auf extremes Spieltempo und mündliche Eleganz [3]. Geübte Spieler ziehen blitzschnell mit nur einer Hand. Ein Sieg zählt 1 Punkt, ein Mars 2 Punkte. Das im Westen gefürchtete Dreifach-Backgammon gibt es nicht.
Besonders lebendig ist die Sprache: Man ruft die Würfe nicht auf Türkisch aus, sondern nutzt die alten Reime aus osmanischer Zeit: Yek-ü Se (3-1), Dü-Yek (2-1) und das legendäre Şeş-Beş (6-5).
Darin spiegelt sich die Herkunft des Namens Shesh Besh, der im gesamten Nahen Osten verbreitet ist [1]: Shesh ist das persische Wort für 6, Besh das türkische für 5. Es ist ein lebendiges Zeugnis jahrhundertelanger Nachbarschaft. In Kairoer Cafés und Beiruter Teestuben gehört das laute Klacken der Steine auf Holztischen mit Intarsien aus Perlmutt zum unverwechselbaren Straßenklang.
Im Iran wird Takhteh-Nard zudem mit philosophischer Ehrfurcht betrachtet. Nach dem mittelpersischen Text Wizārishn ī Chatrang aus dem 6. Jahrhundert schuf Wesir Bozorgmehr das Spiel als Abbild des Kosmos [3]: 24 Zungen für die 24 Stunden des Tages, 12 Zungen pro Seite für die 12 Tierkreiszeichen, 30 Steine für die 30 Monatstage und 2 Würfel für das Zusammenwirken von Schicksal und Verstand.
Dass diese Spielregeln uralt sind, beweist der byzantinische Dichter Agathias, der eine Partie von Kaiser Zeno aus dem Jahr 480 überlieferte [4]. Bei einem unglücklichen Wurf von 2, 5 und 6 mit 3 Würfeln auf 24 Zungen musste Zeno sieben Einzelfelder aufreißen und verlor die Partie sofort. Die erzwungenen Züge machten seine Stellung zunichte, und der kaiserliche Gegner triumphierte am selben Brett, das wir noch heute nutzen.
Welche Spielart passt zu dir?
Wer sich vom vertrauten Turnierformat löst, gewinnt einen völlig neuen Blick auf das Potenzial dieses jahrtausendealten Materials.
Wer scharfe taktische Schläge, kalkulierte Opfer und den psychologischen Druck des Dopplerwürfels schätzt, bleibt beim internationalen Turnierspiel.
Wer schnellen Spielfluss, spontane Entscheidungen und lebhafte Runden liebt, findet im türkischen Tavla die perfekte Schule der Intuition.
Wer die umfassende strategische Herausforderung sucht, bei der man flexibel zwischen Angriff, Festpinnen und Ausweichen umschalten muss, greift zum griechischen Tavli-Dreikampf.
Und wer tiefgründige Positionsmanöver bevorzugt, bei denen jeder Stein eine uneinnehmbare Festung darstellt, wird in den langen Nardy ein anspruchsvolles Denkspiel entdecken.
Praktische Tipps für den Einstieg in die Varianten
Für Spielerinnen und Spieler, die mit den westlichen Regeln aufgewachsen sind, erfordert die Umstellung auf traditionelle Spielweisen vor allem Geduld und ein Umdenken bei der Risikobewertung:
- Vergiss die Pip-Count-Mathematik für den Würfel: Ohne Dopplerwürfel musst du nicht permanent berechnen, ob du im mathematischen Verdopplungsfenster liegst. Das reine Wettrennen entscheidet erst beim tatsächlichen Hinauswürfeln. Konzentriere dich stattdessen voll auf die Feldkontrolle und die Besetzung strategischer Knotenpunkte.
- Achte in Plakoto vor allem auf deinen Mutterstein: Ein einziger unbedachter Schritt kann dazu führen, dass dein Stein auf Zunge 24 blockiert wird. Wenn dieser Stein fällt, hilft dir der beste Vorsprung im Rennen nichts mehr.
- Nutze in Fevga und langen Nardy das Tempo einzelner Steine: Da schon einzelne Steine vollwertige Sperren bilden, sind Zwischenstationen im gegnerischen Feld Gold wert. Besetze frühzeitig Schlüsselstellen, um dem Gegner hohe Würfe wie eine 6 oder 5 zu entwerten.
- Schätze die Dynamik geschlossener Reihen: In traditionellen Varianten gewinnen lange zusammenhängende Punktreihen eine noch größere Bedeutung, weil es kein vorzeitiges Aufgeben gibt. Wer eine gegnerische Formation zersplittert, erzwingt fatale Fehltritte.
Wenn du das nächste Mal Backgammon online spielen möchtest, bereichert das Wissen um diese reiche Geschichte jeden Wurf. Das Brett vor dir ist kein kurzlebiges Produkt der Gegenwart, sondern eine lebendige Brücke über fünftausend Jahre Kulturgeschichte, die römische Kaiser, morgenländische Gelehrte und Spielfreunde auf der ganzen Welt verbindet.
Quellen
- Encyclopædia Britannica. “Backgammon: Board Game.”
- Jacoby, O., & Crawford, J. R. (1970). The Backgammon Book. Viking Press, New York.
- Murray, H. J. R. (1952). A History of Board-Games Other than Chess. Oxford: Clarendon Press.
- Agathias. (c. 530–582 CE). Anthologia Graeca, Book IX, Epigram 482 (Recording Emperor Zeno's Game of Tabula, 480 CE).
- Boardgammon. “Backgammon Variants: Games in the Tables Family.”
- Boardgammon. “Tavla: Turkish Backgammon Rules and Culture.”
- Boardgammon. “Plakoto: The Greek Pinning Variant.”
- Boardgammon. “Fevga: Greek Running and Blocking Game.”
- Boardgammon. “Long Nardy: Russian Dlinnye Nardy Rules.”
- Boardgammon. “The History of Backgammon: From Nard to the Modern Board.”
- Boardgammon. “Play Backgammon Online Free.”
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